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Trost gegen das Unabänderliche

Brahms-Requiem: "Es ist wie Gras"

Die Aufführung liess deutlich werden, was der 1. Petrusbrief für einen Menschen unserer Zeit mit "Alles Fleisch, es ist wie Gras, das verdorrt" umschreibt. Brahms, der am unbestrittenen Meisterwerk des "Requiems" viele Jahre arbeitete, lässt den Hörer aber nicht in Verzweiflung über die Vergänglichkeit aller Dinge verharren. Er vermittelt vielmehr anhand selbst ausgewählter Bibeltexte und mit viel persönlichem Engagement Jenseitshoffnung und gar Heilsgewissheit.

Visionäre Interpretation

Die beiden erwähnten Ensembles, das Orchester und die Solisten Rachel Harnisch, Sopran, und René Koch, Bariton, brachten den spannungsreichen und sich in Gegensätzen bewegenden Gehalt dieses Werkes zu eindrücklicher Geltung. Die Gegenüberstellungen von Trauer und Freude (Teil I.), von irdischer Qual und himmlischer Erfüllung (II.), von menschlicher Ratlosigkeit und göttlicher Ruhe und Festigkeit (III.), von Verzweiflung und Trost (V.), von Tod, Grab, Gericht und Auferstehung (VI.) erhielten durch die visionäre und zielklare Interpretation von Hansruedi Kämpfen und vor allem auch durch die vorzügliche Orchesterbegleitung auf historischen Instrumenten Eigenständigkeit, Farbe und Gewicht. Das Orchester unter Konzertmeister Dominik Kiefer hatte in dieser Aufführung auch nicht jene Grösse, an die man sich sonst bei Aufführungen monumentaler, im Saal "wütender", romantischer Werke gewöhnt ist.
Es erfüllte seine Aufgabe – unter anderem in dem sehr eindringlichen Bassregister – mit Kraft, erdrückte aber die Vokalisten nicht. Und der Entschluss zu einer zahlenmässig "bescheideneren ", aber doch umfassenden Besetzung in Chor und Orchester brachte das "Requiem" umso deutlicher und auch etwas intimer herüber.

Ausgewogenheit

Die beiden Chöre aus musikalisch gebildeten Laien erreichten im ganzen Werk ein signifikantes Gleichgewicht zwischen der Pflege von Einzelheiten und Bewegtheit des Ganzen. Sie verfügen auch über eine Fülle schöner Stimmen. Hinzu kommen erstaunliche Disziplin, Konzentration, Stimmreinheit und Stehvermögen, das vor allem im Singen von Fugen wie "Herr, du bist würdig" und anderen kontrapunktischen, polyphonen und auch dynamisch und rhythmisch transparent auszugestaltenden Stellen bemerkenswert war. Dies will nicht heissen, dass man an diesen Chor keine Wünsche gehabt hätte. Zu denken wäre z.B. an den Schlussabschnitt des Teiles III., den man sich noch übersichtlicher hätte vorstellen können.
Zu beachten ist dabei natürlich, dass ein Chor von mehr als 70 Sängerinnen und Sängern Gefahr läuft, weniger durchsichtig zu singen, als ein qualitativ gleiches Ensemble mit halber Besetzung. Man ist diesbezüglich in Konzerten des Oberwalliser Vokalensembles gar verwöhnt.

Professionelle Qualität

Die beiden Vokalsolisten Harnisch und Koch gaben den ihnen vorbehaltenen Teilen grosses Profil. Bariton Koch setzte in den Abschnitten III. und VI. sonor und mit nuancenreicher, fester Stimme klare Konturen. Er sang intensiv gestaltend und den Text geschmeidig deutend. Dies tat auch Rachel Harnisch, die mit grossem Engagement, mit wunderbarer und angenehm timbrierter Stimme, in grossen Höhen ätherisch verklingend einen Part im Teil V. sang, der auch die tiefe persönliche Betroffenheit des Komponisten anlässlich des Todes seiner eigenen Mutter widerspiegelt. Es gelang Frau Harnisch, in "Ihr habt nun Traurigkeit" frommes Empfinden mit Ergriffenheit zu verbinden und auf die Zuhörer zu übertragen.
Natürlich waren auch Kontraste zwischen den professionellen Künstlern und dem grossen Chor bemerkbar. Der perfekten Diktion von Frau Harnisch stand – beispielsweise – gerade in den dialogisierenden Partien mit dem Chor ein starker Gegensatz der eben nicht auf diesem Niveau befindlichen Aussprache der Laienstimmen gegenüber.
Nun, die Gesamtleistung des Chores darf sich trotz solcher Unebenheiten sehen lassen. Dass Rachel Harnisch ihrem Ruf als zurzeit hervorragende internationale Vertreterin ihres Vokalfaches mehr als gerecht würde, erwartete man - und war begeistert!

Und?

Brahms hat im "Deutschen Requiem" eine Sprache gefunden, die Kenner und Laien in gleicher Weise berührt. An die Tonwelt dieses Meisters wurde man bereits vor Beginn des "Requiems " durch die achtstimmigen "Fest- und Gedenksprüche" a cappella, opus 109 für Chöre, herangeführt. Unter der diskreten Leitung von Hansjakob Egli zeigten die beiden Chöre, dass sie dieser äusserst anspruchsvollen, ohne Orchesterstützung zu singenden Musik gewachsen waren.
Dass aber auch diese zu unseren besten Formationen zählenden Sängerinnen und Sänger in Bezug auf Klang-Homogenität der Stimmgruppen – man hörte immer auch etwa Einzelstimmen heraus – Fortschritte machen könnten, versteht sich. Es stellte sich auch die Frage, ob nicht einfach das "Deutsche Requiem" als Monumental-Werk für sich allein "abendfüllend" genug gewesen wäre. Nun, wir haben für beides, das "Requiem" und die "Sprüche", zu danken.

(ag), Walliser Bote

 
 
Glaube als Herausforderung

Völlig transparent, ohne den Schutz eines sinfonischen Klangrüstzeugs setzten sich die Ausführenden Brahms klingendem theologischen Patchwork aus, das allein schon aufgrund seiner Abweichung von der tradierten Requiem-Liturgie viel mehr Raum lässt für Glaubenskämpfe und Selbstzweifel als andere Schlüsselwerke dieser Gattung.
Entsprechend gestalteten die von Hans-Ruedi Kämpfen und Hansjakob Egli vorzüglich vorbereiteten Sängerinnen und Sänger zusammen mit dem pointiert aufspielenden Originalklang-Orchester das Stück als spannungs- und facettenreiches Glaubensdrama, das nachgerade alle Gemütslagen zwischen dramatischem Zweifel und seliger Zuversicht umfasst.

Individuelle Gottessuche

Die persönliche Glaubenssuche, das Ringen um eine eigene Lebensanschauung, die ja stets mit hohem persönlichem Einsatz und Risiko verbunden ist, fand in diesem geläuterten, hellsichtigen Klangbild eine musikalische Entsprechung fernab von schützendem Pathos, aber auch von protestantischer Strenge. Diese bildete selbstverständlich den theologischen Hintergrund, aber nur insofern, als diese Gottessuche individuelle Züge trug.
Mit Klarsicht und berückenden, stets aber gehaltvollen Piani, die tiefe Ehrlichkeit suggerierten, loteten die Musikerinnen und Musiker das Gefühlsspektrum dieser zwischen Hymnen und dramatischen Ausbrüchen oszillierenden Bekenntnismusik aus.
Das Orchester unterstützte dies mit fein kernigen, bisweilen auch fahl schimmernden Farben und raffinierten Artikulationen, die die oft übertünchte kontrapunktische Struktur dieses Sakralwerks zum Vorschein brachten.

Schwerelose Tiefe

Zur Vollendung gebracht wurde diese rückhaltlose, keine Konzessionen an mögliche technische Risiken zulassende Musizierhaltung von der in Bern lebenden Sopranistin Rachel Harnisch. An der Seite des flexibel gestaltenden Luzerner Baritons René Koch liess das ehemalige Mitglied der Oberwalliser Vokalsolisten, das längst in den europäischen Musikmetropolen ihren glänzenden Einstand gegeben hat, ihre Kantilenen wie aus dem Nichts zu warmer, unglaublich schattierungsreicher Strahlkraft aufsteigen. Damit evozierte Rachel Harnisch eine schwerelose Tiefe des Ausdrucks, die diese existenzielle Suche in verdichteter Form verkörperte.

(pof), Der Bund

 
 
Starker musikalischer Trost gegen das Unabänderliche

Auch hohe Erwartungen an die Chorgemeinschaft Luzern-Wallis gingen bei der Aufführung des Brahms-Requiems in Erfüllung.

Elitäre Musik im Luxustempel für ein exklusives, zahlungskräftiges Publikum? Keine Spur. Zwar nahm im KKL-Konzertsaal auf einem der beiden Solostühle mit Rachel Harnisch einer der derzeit glänzendsten Sterne am Sopranhimmel Platz, aber diese Rachel Harnisch war einst ein einfaches Chormitglied des von Hansruedi Kämpfen gegründeten Oberwalliser Vokalensembles, das zusammen mit dem von Hansjakob Egli einstudierten Luzerner Vokalensemble die Chorgemeinschaft für die Aufführung des Brahms-Requiems bildete. Im Saal vorwiegend einheimisches Publikum, unter das sich die zahlreichen Delegierten der Jubiläumsgeneralversammlung der Chorvereinigung "Europa Cantat" mischten.

Der Chor im Zentrum

Elitär, künstlerisch elitär - dieses Attribut freilich darf man der Aufführung als solcher attestieren. Der Auftakt mit drei "Fest- und Gedenksprüchen" ("Unsere Väter", "Wenn ein starker Gewappneter", "Wo ist ein so herrlich Volk") bereitete auf das folgende Requiem vor: Auch hier verwendete Brahms wieder deutschsprachige Bibeltexte, wie er es bereit im Requiem unternommen hatte. Und die Wiedergabe unter Hansjakob Egli, die weniger auf Prunk als auf Ausgleich zwischen den alternierenden Registern der beiden A-cappella-Chöre (zu je vier Stimmen) zielte, vermittelte eine Ahnung vom Qualitätsniveau der beiden vereinigten Chöre.
Die Wahl fiel nicht zuletzt deshalb auf das Deutsche Requiem, weil hier der Chor fast ausschliesslich das Sagen hat. Die Wahl war aber auch deshalb eine glückliche, weil die Aufführung in keinem Moment verriet, mit diesem anspruchsvollen Werk sei zu hoch gegriffen worden für einen (halbprofessionellen) Laienchor. Auch die Befürchtung, der Chor sei mit 70 Mitgliedern zu massiv besetzt, bewahrheitete sich nicht.

Meditation statt Monumentalität

Schon wie sich der Dirigent sammelte, bevor er den Taktstock hob, wie die tiefen Register des Orchesters im Piano einsetzten und der Chor behutsam mit dem "Selig sind, die da Leid tragen" anhob, verriet deutlich einen Ansatz, der nicht so sehr auf Monumentalität als vielmehr auf Meditation und Verinnerlichung ausgerichtet war. In jeder Phase verriet Hansruedi Kämpfen den erfahrenen Chorleiter, der bereitwillig auf die vorwiegend langsamen Zeitmasse einstieg, aber immer wieder Raum liess für Agogik.
Mit An- und Abschwellen belebte er die Zeitmasse und zog bei jenen markanten Stellen, in denen Brahms das Unabänderliche und die durch die Schrift festgehaltene Verheissung auf ein Leben nach dem Tod unterstreicht, die Zügel um so kraftvoller an.
Es spricht für die in einem wunderbar reinen Sopranregister kulminierende Leistung des Chors, aber auch des Baritons René Koch, dass zur illustren Sopranistin, die ihr "Ihr habt nun Traurigkeit" mit glasklarer Verinnerlichung sang, kein merkbarer Abstand bestand.

Fragwürdiger Originalklang

Ein kleines Fragezeichen möchte man einzig zum begleitenden Orchester Capriccio Basel (Konzertmeister: Dominik Kiefer) setzen: Bei allem Respekt davor, dass der Originalklang nun auch hier zu Lande bis in die Romantik des 19. Jahrhunderts vorgestossen ist, war doch festzustellen, dass der romantische Chorklang sich mit dem eher spröden, dünnen Klang der zweigeteilten Geigen nicht recht mischen wollte und trotz Originalklang-Streichern (mit Darmsaiten) die Holzbläser (Flöte) sich an Tutti-Stellen vielfach zu wenig durchsetzen konnten.

Fritz Schaub, Neue Luzerner Zeitung